Internet an Bord: Schnelles Internet in jeder Bucht dank Starlink von Elon Musk | YACHT

2022-12-08 12:19:54 By : Mr. Victor Yu

Wer im Boatoffice arbeitet, benötigt eine zuverlässige Breitband-Verbindung. Aber auch allen anderen bietet ein neuer Dienst dies zu überschaubaren Kosten an. Wir haben Starlink ausprobiert

Das Schiff als Boatoffice nutzen, einfach im Internet surfen, Filme schauen, sichere Wetter­berichte empfangen bis hin zur Telemedizin auf See – der Bedarf an performantem, verlässlichem und wirtschaftlich sinnvollem Zugang zum Internet hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen.

Der Trend ist nicht neu, hat aber durch die Corona-Pandemie deutlich an Akzeptanz gewonnen. Der Wunsch, von überall aus arbeiten zu können, ist quasi in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ob temporär oder dauerhaft auf dem eigenen Schiff oder einer Charteryacht, spielt dabei kaum eine wesentliche Rolle.

Starlink gehört zu Elon Musks SpaceX-Weltraumprojekt und soll für flächen­deckendes Hochgeschwindigkeits-Internet sorgen. Ende 2021 ist das System offiziell in Betrieb gegangen, besitzt aber noch nicht seine volle Ausbaustufe, daher ist die Ab­deckung noch nicht weltumspannend. In großen Teilen von Europa und Nordamerika lässt sich der Service schon nutzen.

Eine Besonderheit von Starlink ist die enorme Anzahl an Satelliten. Das System arbeitet derzeit mit etwa 2.800 Stück, in voller Ausbaustufe sollen es rund 12.000 werden. Zum Vergleich: Inmarsat arbeitet gerade einmal mit vier geostationären Satelliten. Bei Iridium, das auf Polar-umlaufende Sender setzt, sind es immerhin 66. Die große Anzahl von Satelliten ist nötig, weil die künstlichen Himmelskörper in Umlaufbahnen von nicht mehr als 550 Kilometer Höhe fliegen. Das sorgt für kurze Signallaufzeiten und gute Reaktionszeiten der Datenverbindung. Die einzelnen Satelliten können aber auch nur kleine Funkzellen abdecken.

Ein Neben­effekt der niedrigen Orbits ist eine kurze Lebensdauer der Satelliten, sie sind so nahe an der Atmosphäre, dass erhöhte Reibung auftritt. Daher müssen die Bahnen häufig korrigiert werden, und der Treibstoff ist schnell aufgebraucht. Länger als fünf Jahre hält die aktuelle Generation nicht durch. Höher fliegende Kommunikationssatelliten kommen in der Regel auf zwei- bis dreimal so lange Einsatzzeiten. Eine weitere Besonderheit sind die Satellitenketten. SpaceX setzt bei jedem Start rund 50 Satelliten auf einmal ab, diese gruppieren sich dann zu in der Dämmerung gut sichtbaren Lichterketten, bevor sie ihre Positionen im Netzwerk einnehmen.

Der Autor Heino Kuhlemann berät medizinische Einrichtungen und IT-Anbieter in der Gesundheitsbranche im Sommer aus dem Boatoffice und ist daher auf eine zuverlässige Internetverbindung angewiesen.

In unserer Firma für Medizinische Informatik ist mobiles Arbeiten langjährige Praxis. Was Mitte der 1990er Jahre als E-Mail-Abruf mit einem Modem an Telefon-Buchsen begann, braucht heute ganz andere Bandbreiten, zudem muss der Internetzugang zuverlässig zur Verfügung stehen. Eine Anforderung, die sich mit LTE oder 5G nicht überall erfüllen lässt. Daher war es naheliegend, Elon Musks Satelliten-Internet-System Starlink bei uns an Bord zu installieren und intensiv zu testen. Im Vergleich zu Inmarsat oder Iridium verspricht Starlink enorme Datenraten und ist sogar günstig.

In der getesteten, eigentlich für Wohnmobile gedachten Variante kostet es rund 100 Euro pro Monat. Die Hardware schlägt einmalig mit 460 Euro zu Buche.

Für die tägliche Arbeit mit Videokonferenzen kommt daher seit August 2022 neben einem LTE-Router das Starlink-RV-System zum Einsatz. RV steht für Recreational Vehicle, sprich Wohnmobile. Diese Version von Starlink ist anders als die ursprünglichen Varianten nicht an eine feste Adresse gebunden und kann an unterschiedlichen Orten eingesetzt werden.

Im Gegensatz zu der ebenfalls angebotenen Maritim-Variante kommt die Camper- Version mit einer einfacheren Antenne und darf nicht während der Fahrt genutzt werden. Dies würde zu Garantieverlust führen oder könnte auch ein Sperren des Accounts bedeuten. Dennoch liest man in Facebook-Gruppen, dass einige die RV-Version problemlos unterwegs nutzen. Wir haben uns auf die Verwendung am Ankerplatz oder im Hafen beschränkt. Konzentriert Videokonferenzen zu führen und zugleich zu segeln ist sowieso keine Option. Zudem gibt es in Küstennähe oft sehr gute LTE- beziehungsweise 5G-Abdeckung. Probleme traten in der Regel erst direkt in Ankerbuchten auf, wenn Berge das Mobilfunksignal abschatteten.

Die Bestellung läuft online unter www.starlink.com genauso unkompliziert wie die Lieferung innerhalb weniger Wochen. Im Lieferumfang ist ein Router enthalten, der über ein ausreichend langes Kabel mit ebenfalls Wechselstrom. Die Leistungsaufnahme liegt zwischen 25 und 45 Watt. Um auch für längere Arbeitstage genügend Energie an Bord zu haben, setzen wir zwei mobile Solarpaneele mit je 100 Watt Spitzenleistung ein. Bei guter Sonne und Ausrichtung liefern die Paneele jeweils 50 bis 60 Watt, was für den Betrieb von Laptop und Starlink ausreicht.

Da nicht jeden Tag die Sonne scheint und bei Termindruck eventuell auch mal eine Nachtschicht eingelegt wird, sollte man die Strombilanz aber im Auge behalten. Daher ist zusätzlich ein Stromgenerator als Backup an Bord.

Einmal eingerichtet, kann man Starlink bei Ankunft an Bord einstecken und in der Marina, an einem Liegeplatz oder vor Anker nutzen. Die Schüssel sammelt zunächst Daten, sodass man beim Einschalten an einem neuen Standort etwas warten muss, bis man die volle Performance nutzen kann. Fünf bis zehn Minuten Vorlauf sollte man eingeplant haben, also am besten nicht direkt ins Videomeeting starten.

Das System arbeitet mit Phased-Array-Technik, das heißt, die Antenne kann sich in Maßen elektronisch auf das Signal ausrichten und muss nicht ständig mechanisch nachgeführt werden, um den Satelliten zu folgen. In den Dish integrierte Motoren korrigieren die Ausrichtung der Antenne daher nur gelegentlich. Normale Schiffsbewegungen werden nicht ausgeglichen.

In US-amerikanischen Facebook-Gruppen zu „Starlink on Boats“ liest man von einigen, die den Motor der Antenne deaktiviert haben. Angesichts der seltenen Korrekturen dürfte der Stromverbrauch des Systems dadurch jedoch kaum sinken, dafür erlischt mit solchen Basteleien aber jeder Garantieanspruch.

Fernsehen und Videokonferenzen mit gängigen Tools wie Teams oder Zoom sollen im Praxistest zeigen, wie Starlink RV vor Anker oder in einer Marina funktioniert. In der voll belegten ACI Marina Opatija in Kroatien war das Schiff kaum in Bewegung, wie das typischerweise am Liegeplatz auch sein sollte. Allerdings war der direkte Blick zum Himmel von den Riggs der umliegenden Yachten versperrt.

In Berichten aus dem Camping-Bereich liest man, dass ähnliche Situationen mit nahen Bäumen zu Empfangsproblemen führen. In unserem Test hatte weder die Vielzahl an Masten noch der direkt angrenzende Berg Ucka negativen Einfluss auf die Datenübertragung. Internet-Fernsehen und Videokonferenzen funktionierten über Stunden einwandfrei.

Im nächsten Schritt sollte es vor Anker gehen. Um einen aussagekräftigen Test zu schaffen, war es hilfreich, dass wechselnder Wind für Schwoien gesorgt hat. Zudem kam die Dünung des morgendlichen Tramontana aus der Bucht von Volosko in die Ankerbucht und sorgte für dreidimensionale Bewegung durch Wind und Welle.

Eine erträgliche, aber nicht optimale Anker-Situation. Obwohl die Antenne dem Schwoien nur verzögert folgt und Roll- und Stampfbewegungen praktisch gar nicht ausgeglichen wurden, war die Verbindung einwandfrei. Videokonferenzen und Streaming funktionierten auch unter diesen Bedingungen tadellos.

Wie die beispielhaften Messungen zeigen, schwankt die Performance beim Schwoien durchaus, allerdings auf einem recht hohen Niveau, das für den genannten Anspruch im Boatoffice mehr als ausreichend ist.

Das Ergebnis tagelanger Nutzung an Ankerplätzen lässt sich so zusammenfassen: unterbrechungsfrei und sehr schnell. Störungen wurden keine festgestellt. Das ist besonders bemerkenswert, da bei LTE-Verbindungen fast täglich kurze Schwankungen und damit verbundene Aussetzer in der Videokonferenz üblich sind. Allerdings ist die tatsächliche Bandbreite der Satellitenverbindung von der Anzahl der Nutzer und der Auslastung des Netzwerks abhängig.

In US-amerikanischen Medien liest man zum Teil von deutlichen Rückgängen bei der Übertragungsgeschwindigkeit. Dort ist die Nutzerdichte in einigen Gegenden allerdings auch schon so hoch, dass Starlink keine neuen ortsfesten Systeme mehr ausliefert. Diese genießen bei der Verteilung der Bandbreite eine höhere Priorität. Als mobiler Nutzer steht man grundsätzlich in zweiter Reihe und muss daher auch eher mit Einschränkungen rechnen.

Starlink RV ist eine echte Alternative, wenn kein LTE- oder 5G-Netz verfügbar ist. Das System eignet sich aber auch als Hauptlösung für den mobilen Arbeitsalltag. Im direkten Vergleich zu den Mobilfunk-Netzen schneidet es sogar besser ab als 5G. Einzig die Stromversorgung über 230 Volt und die Leistungsaufnahme von rund 40 Watt sind hinderlich und können den Einsatz an Bord limitieren.

Daher verwenden wir Starlink vor Anker immer erst dann, wenn das Mobilfunknetz nicht zuverlässig oder nicht schnell genug ist. In der Marina mit Landstrom stellt bei uns an Bord die Satellitenverbindung inzwischen oft den Hauptzugang zum Internet dar. Im kompakten Praxistest, der natürlich noch keine jahrelange Erfahrung widerspiegeln kann, sind bisher keine Störungen aufgetreten.

Die Installation ist sehr einfach und leichter zu bewältigen als die meisten Router-Einrichtungen zu Hause. Mit der simplen Kombination aus Angelrutenhalterung und dem Pipe Adapter von Starlink lässt sich ein passender Platz vermutlich auf jedem Boot finden. Möglichst freie Sicht zum Himmel ist dabei die wichtige Regel – aber wer ankert schon regelmäßig unter Brücken oder Baumkronen? Durch Riggs benachbarter Boote konnten wir keine Störungen beobachten.

Was die Kosten angeht, sind 460 Euro in der Anschaffung und 100 Euro pro Monat beruflich sicher wirtschaftlich, wenn man dadurch Ausfälle und Störungen vermeidet beziehungsweise überall vor Anker gehen kann, wo es einem gefällt. Und wer sich privat den Komfort von hochwertigem Internet an Bord leistet, dem dankt das die Crew sicher.

Für Charteryachten kann es eine Idee sein, Halterungen zu montieren im Sinne von „bring your own Starlink“. Wichtig zu beachten bleibt bei der RV-Version, dass diese nicht in Fahrt genutzt werden darf. Wem das genügt, dem ist das System absolut zu empfehlen.

Inwieweit die Bandbreite bei zunehmender Verbreitung in Europa sinkt und ob auch hier der 1-Terabyte-Deckel wie in den USA eingeführt wird, bleibt abzuwarten. Aber selbst mit diesen Unsicherheiten dürfte Starlink auf absehbare Zeit die leistungsfähigste und obendrein günstigste Internetlösung für die Nutzung in abgelegenen Ankerbuchten sein.

Betrachtet man die Bandbreitenanforderungen beispielsweise der Videokonferenz-Plattform Zoom, wird schnell ersichtlich, dass Starlink hier nicht einmal ansatzweise an Grenzen stößt.

Die von Zoom verwendete Bandbreite wird auf Grundlage des Netzwerks der Teilnehmer für die beste Erfahrung optimiert. Die Anpassung für 4G-, 5G-, W-Lan- oder kabelgebundene Netzwerke erfolgt automatisch.

In YACHT-Ausprobiert erhielt Starlink fünf von fünf Sternen

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